Reformation in Tübingen

von Pressepfarrer Peter Steinle

Tübingen am Vorabend der Reformation

 

Die Ideen der Reformation hatten sich frühzeitig in der herzoglichen Residenzstadt Tübingen herumgesprochen: Schon seit 1521 predigte in der nur elf Kilometer entfernten freien Reichsstadt Reutlingen der Reformator Matthäus Alber (Bild links). Diejenigen der rund 3.000 Einwohner Tübingens, die den Weg zum Gottesdienstbesuch in der Nachbarstadt auf sich nahmen, brachten den Wunsch mit nach volkssprachlicher Predigt und dem Abendmahl in beiderlei Gestalt.

Als württembergische Residenzstadt unter der habsburgischen Herrschaft Herzog Ferdinands musste Tübingen jedoch bis zur Rückkehr Herzog Ulrichs aus dem Exil im Jahr 1534 auf die Reformation warten. Die 1477 von Graf Eberhard im Bart gegründete Universität war bis 1534 gar ein Hort streng katholischer Lehre; die überwiegende Mehrzahl der Professoren waren Augustinerchorherren, nur wenige waren Weltgelehrte.
 

Die Reformation in der Stadt

 

Als Herzog Ulrich (Bild links) 1534 Ambrosius Blarer und Erhard Schnepf mit der Einführung der Reformation in Württemberg beauftragte, gab es in Tübingen Turbulenzen: Blarer (Bild links unten) hielt am 2. September 1534 die erste evangelische Predigt auf der Kanzel der Stiftskirche. Umgehend verbot der Rektor der Universität, Johann Armbruster, weitere derartige Experimente. Erst am 7. März 1535 schaffte man die Messe ab und weitere zwei Wochen später empfingen die Gläubigen erstmals das Abendmahl in beiderlei Gestalt.

Durch die Auflösung und Zusammenlegung kirchlicher Pfründe reduzierte sich die Zahl der Geistlichen an der Stiftskirche auf ein Viertel. Der Chorraum der Stiftskirche wurde nun nicht mehr für das Chorgebet benötigt und dient seitdem als Grablege der fürstlichen Familie: Am 12. Juni 1537 wurde der Sarkophag Graf Eberhards im Bart in den Chorraum überführt. Während der nächsten hundert Jahre kamen insgesamt 24 Grabmonumente hinzu, darunter die Grabmäler der württembergischen Herzöge Ulrich, Christoph und Ludwig.


 

Die Reformation der Universität

 

Die Konfrontation mit der streng katholischen Universität war jedoch noch nicht ausgestanden: Herzog Ulrich hatte schnell erkannt, dass zur Reformation auch eine Reform der Universität nötig sein würde. Der Reformator Philipp Melanchthon (Bild links) schien ihm dafür der richtige Mann zu sein: Zwischen 1512 und 1518 hatte der in Bretten geborene Humanist bereits an der Universität Tübingen zunächst studiert und dann als Magister gelehrt, bevor er unter dem prägenden Einfluss Martin Luthers an die Universität Wittenberg wechselte. Der Versuch, den Reformator 1534 nach Tübingen zu berufen, scheiterte zwar am Widerstand des sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich, doch erstellte Melanchthon ein Gutachten zur Universitätsreform in Tübingen.

Am 30. Januar 1535 erließ Herzog Ulrich ein umfassendes Reformprogramm, das eine an den Ideen von Humanismus und Reformation orientierte Umgestaltung der veralteten Lehrpläne ebenso vorsah wie einen weitgehenden Austausch des altgläubigen und überalterten Lehrkörpers. Unter den neu berufenen, lutherisch gesonnenen Lehren waren auch Melanchthons Freund Joachim Camerarius sowie der Mediziner und Botaniker Leonhard Fuchs, nach dem die Fuchsie benannt ist.

Am 11. April 1537 berief Herzog Ulrich Joachim Camerarius und den Schwäbisch Haller Reformator Johannes Brenz (Bild links unten) zu landesherrlichen „Commissarii“, die die Universitätsreform durch die Erarbeitung einer neuen Universitätsverfassung abschließen sollten. Mitten im Reformationsgebiet des oberdeutsch geprägten Reformators Ambrosius Blarer entstand so unter dem Einfluss von Brenz eine streng lutherisch geprägte Universität.

Gedenktafel für Philipp Melanchthon an seinem einstigen Studien- und Lehr-Ort, der Tübinger Burse in der Bursagasse (Foto: Steinle)
 

Der Universitätsrektor und Stiftskirchenprobst sabotiert die Reformation

 

Doch noch bevor am 26. Januar 1538 die Tübinger Professoren auf die neue Verfassung vereidigt wurden, stürzte der Universitätskanzler und Jura-Professor Ambrosius Widmann seine Hochschule zunächst in eine tiefe Krise: Das Amt des vom Papst ernannten Kanzlers war untrennbar verbunden mit dem des vom württembergischen Herzog zuvor zu bestellenden Propstes an der Tübinger Stiftskirche. Der Stelleninhaber hatte das alleinige Recht, Promotionen zu vollziehen und akademische Grade zu verleihen.

Probstkanzler Widmann, der an seiner Loyalität zum Papst festhielt, floh angesichts der herzoglichen Reformbemühungen am 12. Juli 1535 mit dem großen Dienstsiegel ins katholische Vorderösterreich nach Rottenburg. Wegen der daraus entstehenden Rechtsunsicherheit war die Verleihung des weniger bedeutsamen akademischen Grades eines Bakkalaureus nur eingeschränkt, während die Promotion zum Magister mit einer einzigen Ausnahme völlig zum Erliegen kam. Erst aufgrund mehrerer Gutachten, darunter von Martin Luther und Philipp Melanchthon, entschloss sich die herzogliche Regierung, Widmann abzusetzen, weil er seinen Posten verlassen habe.

Am 29. November 1538 wurde der bisherige Stuttgarter Dekan Johann Scheurer zum neuen Propst und Kanzler der Universität ernannt. Widmann protestierte aber förmlich gegen alle unter Johann Scheurer vollzogenen Promotionen, sodass eine generelle Anerkennung Tübinger Promotionen außerhalb Württembergs ungewiss erschien. Nachdem Widmann im Februar 1550 wieder in seine Ämter eingesetzt worden war, bewog ihn der Augsburger Religionsfriede von 1555, die Ausübung seiner Amtsbefugnisse Ende 1556 und bis zu seinem Tod vertretungsweise auf Rektor und Senat der Universität zu delegieren.

Herzog Ulrich gründet das evangelische Stift

Ein akuter Pfarrermangel war die unmittelbare Folge der Reformation: Die Pfarrer, die sich weigerten, evangelisch zu predigen, mussten das Land verlassen – das waren die meisten. Andere waren willig, aber unfähig. Um dem Mangel abzuhelfen, gründete Herzog Ulrich 1536 im ehemaligen Augustinerkloster das Tübinger Stift. Begabte männliche Landeskinder erhielten dort Kost und Logis und die Möglichkeit eines Theologiestudiums auf Staatskosten. Das Stipendium besteht bis heute, wird aber nicht mehr vom Staat, sondern von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg finanziert. Im Laufe der Jahrhunderte hat das Tübinger Stift nicht nur berühmte Theologen, sondern auch in anderen Disziplinen hervorragende Wissenschaftler hervorgebracht: Hier lebten und lernten Theologen wie Johann Albrecht Bengel, Johann Christoph Blumhardt und sein Sohn Christoph Blumhardt, Friedrich Christoph Oetinger, Eduard Mörike und Albrecht Goes ebenso wie die Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Friedrich Schelling, der Astronom Johannes Kepler oder der Dichter Friedrich Hölderlin.

Jakob Andreae: Diakonus an der Stiftskirche und Kanzler der Universität

 

Ein früher Stiftsstudent war Jakob Andeae (1528 bis 1590), der schon mit 17 Jahren Magister der Tübinger Artistenfakultät wurde. Er studierte ein Jahr lang Theologie und wurde 1546 Diakonus in Stuttgart, doch bereits im November 1548 aufgrund der Interimsgesetze entlassen. In Tübingen erhielt er zunächst eine Anstellung als Katechist, bis ihn Herzog Christoph zum Diakonus an der Stiftskirche ernannte. Ab 1553 zählte Jakob Andreae zum Gremium der vier Generalsuperintendenten und damit zu den wichtigsten Theologen des Landes. 1562 wurde er der Nach-Nachfolger von Ambrosius Widmann im Amt des Tübinger Universitätskanzlers.

Andreae unterstützte aber auch die Reformation benachbarter Territorien, bemühte sich auf Reichsebene um eine Beilegung der konfessionellen Kontroversen und nahm in Sachsen an den Verhandlungen teil, die 1577 in die „Formula Concordiae“ mündeten. Andreaes Aktivitäten reichten weit über Deutschland hinaus: So gewann der slowenische Reformator Primus Truber ihn für die Übersetzung der slowenischen und kroatischen Reformationsliteratur.

Ein slowenischer Reformator findet seine zweite Heimat und letzte Ruhe in Derendingen

 

Primus TruberDer slowenische Reformator Primus Truber hatte bereits zweimal  aus seiner Heimat fliehen müssen, als er im heutigen Tübinger Stadtteil (und damaligen Vorort) Derendingen ankam. Zuvor hatte er im Stift Urach mit württembergischer Unterstützung eine Druckerei für slowenische und kroatische Reformationsliteratur aufgebaut. 1567 wurde er als Pfarrer in Derendingen eingesetzt. Er sei „den Armen ein Vater, den Fremdlingen eine liebliche Zuflucht“ gewesen, ist noch heute in lateinischer Sprache auf dem Epitaph in der Derendinger St.-Gallus-Kirche zu lesen.

Daneben engagierte er sich weiter für die Reformation in seiner Heimat: Von Trubers 31 slowenischen Drucken entstanden elf in Derendingen. Nachdem seine zweite Frau Anastasia nach 15 Ehejahren verstorben war, heiratete er 1581 73-jährig seine dritte Frau Agnes, eine Derendingerin. Am 28. Juni 1586 starb Primus Truber in Derendingen. Universitätskanzler Jakob Andreae sagte in seiner Grabrede unter anderem, der Verstorbene habe sich „gegen allen Menschen, sonderlich aber gegen den Armen gutthätig erzeigt, auch gegen denen, so es nicht würdig gewesen.“

Epitaph für Primus Truber in der evangelischen St.-Gallus-Kirche Derendingen (Foto: Steinle)


 

Literatur und Quellen:

Beatrice Frank: Texte zur Reformation in Württemberg und in Tübingen (unveröffentlicht)

Sibylle Setzler/Wilfried Setzler: Stiftskirche Tübingen. Geschichte, Architektur, Kunstschätze - ein Führer, mit Fotos von Manfred Grohe; Tübingen 2010

Martin Brecht (Hg.): Theologen und Theologie an der Universität Tübingen, Tübingen 1977

Hermann Ehmer: Gott und Welt in Württemberg. Eine Kirchengeschichte, Stuttgart 2009

 

 

Pressepfarrer Peter Steinle