Gegen strukturelle Sünde streiten

Es ist notwendig, für den Frieden zu streiten. Dieser Aufruf stand im Zentrum des Gottesdienstes, den evangelische, katholische, orthodoxe und freikirchliche Christen gemeinsam in der Stiftskirche feierten. Die ökumenische Feier am Buß- und Bettag war der bundesweite Abschluss der diesjährigen Dekade für den Frieden.

„Liebe Freundinnen und Freunde des Friedens“, begrüßte Susanne Wolf die rund 250 Besucher. Gemeinsam mit weiteren Vertretern der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) gestaltete die Stiftskirchenpfarrerin die Liturgie des Gottesdienstes. „Streit!“ lautete das Motto der Friedensdekade 2017. Das dazu gehörende Motiv, eine zornige Friedenstaube, war groß in den Altarraum projiziert.

Dass Streit nicht an sich gut ist und es darauf ankommt, wie und wofür man streitet, machten die Pastorin der Evangelisch-methodistischen Kirche Dorothea Lorenz und Dr. Rainward Bastian von der Stephanusgemeinde in einem Dialog-Anspiel deutlich. Maria Tsatsiu-Strempel erzählte vom erfolgreichen Streitschlichterprogramm an der Grundschule Lindenbrunnen. Erwachsene könnten von Kindern lernen, „wie schnell sie bereit sind zu Kooperation und Versöhnung“, sagte sie.

„Ich habe nie so viel Streit erlebt wie in den Elendsvierteln von Lima“, erzählte Professor Dr. Josef Sayer in seiner Predigt. Die Hütten dort mit ihren Wänden aus Schilfmatten böten keinen Schutz und keinen Rückzugsraum, berichtete der ehemalige Slum-Pfarrer. „Sie können sich vorstellen, was das für eine Streitkultur bedeutet“, sagte er an die Zuhörer gerichtet. Streit und Gewalt in den Armutsvierteln der Welt hätten ihren Grund in einem „wirtschaftlichen System, bei dem der Profit und nicht der Mensch im Mittelpunkt stehe“ und das Sayer „strukturelle Sünde“ nannte.

Gegen die strukturelle Sünde zu streiten, sei eine „immense Friedensaufgabe“, betonte der langjährige Hauptgeschäftsführer des katholischen Hilfswerks Misereor. Anhand der gravierenden Folgen des Klimawandels für die armen Länder zeigte der Theologe, wie sehr die Menschen der westlichen Welt mit ihrer Lebensart in die strukturelle Sünde verstrickt sind. Diese Zusammenhänge zu kennen, genüge aber nicht. „Erst wenn die Informationen den Weg in die Herzen finden, werden wir zu Handelnden“, betonte Sayer. Weil Gott in Christus die Initiative für die Menschen ergriffen hätte, deshalb sollten Christen die Initiative für die Armen ergreifen, forderte der Theologe. „Jetzt ist es an uns, zu handeln“, so Sayer.

Der Gottesdienst wurde von einer fünfköpfigen Band aus der baptistischen Kreuzkirche und von Stiftskirchenorganist Horst Allgaier musikalisch begleitet. „Lehre uns Streit in dieser Zeit / für Frieden und Gerechtigkeit“ lautete die erste Zeile eines Liedes, das eigens für die diesjährige Friedensdekade getextet worden war.

„Eintreten für den Frieden ist nötiger denn je“, betonte der badische evangelische Prälat Professor Dr. Traugott Schächtele in seinem Grußwort nach dem Gottesdienst. „Wenn man sich engagiert, ist Streit unumgänglich aber nie vergeblich“, so der stellvertretende Vorsitzende der ACK Baden-Württemberg im Blick auf das Dekadenmotto.

Tübingen sei eine Stadt, in der für Frieden und Klimaschutz gestritten werde, sagte Oberbürgermeister Boris Palmer, und deshalb der richtige Ort für den bundesweiten Schlussgottesdienst der Friedensdekade. Palmer forderte in seinem Grußwort dazu auf, sich auch im Streit mit Rechtspopulisten „an die Regeln“ zu halten und eine „zivilisierte Streitkultur“ zu pflegen.

Im Seitenschiff der Stiftskirche konnten sich die Gottesdienstbesucher an Ständen über verschiedene Gruppen und Friedensinitiativen informieren. Mit dabei waren die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Baden-Württemberg, das Asylzentrum Tübingen, die katholische Friedensbewegung Pax Christi, der Friedensbeauftragte des evangelischen Kirchenbezirks Tübingen, die Friedensarbeit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA), das Friedensplenum/Antikriegsbündnis sowie die Initiative Ohne Rüstung Leben (ORL), die in Tübingen Schalom-Gottesdienste und wöchentliche Friedensmahnwachen organisiert.

Geschrieben von Andreas Föhl am 23.11.2017.