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Marmor, Stein und Eisen bricht

Die Zeit hinterlässt ihre Spuren. Dieses Sprichwort hat auch für vergleichsweise beständige Materialien wie Marmor, Stein und Eisen seine Gültigkeit. Ein Gedächtnismal in der Tübinger Stiftskirche, das aus allen drei Stoffen besteht, muss jetzt aufwändig restauriert werden.

Epitaphe sind Grabdenkmale, die nicht auf dem Friedhof, wo der Verstorbene seine letzte Ruhestätte fand, sondern an Kirchenwänden angebracht sind – innen wie außen. Ein solches Epitaph hat die Familie eines jungen sächsischen Adligen 1607 in der Stiftskirche anbringen lassen. Jakob von Kotze hieß der junge Mann, der ein Jahr zuvor von den Pocken dahingerafft worden war. Tübingen war bereits die fünfte Universität, an der Jakob studierte – ein Zeichen von außergewöhnlicher Begabung. Darauf deutet auch die Inschrift hin, die die Familie in sein Grabdenkmal hat hauen lassen: Der Tod Jakobs sei ein Verlust für „die Religion, die Wissenschaft und das Vaterland“, heißt es da. Noch keine 17 Jahre alt war der Student als er starb. Das Epitaph zeigt Jakob mit blondem, langem Haar, kniend vor dem gekreuzigten Christus. Darüber zwei Szenen aus dem Leben seines biblischen Namensvetters: Jakob und die Himmelsleiter, und Jakob im Kampf mit Gottes Engel am Fluss Jabbok. Darüber thront – ebenso groß wie der Verstorbene selbst – sein Vater. Noch eine Stufe höher soll einmal ein kleines Amulett mit dem Abbild der Mutter das sechseinhalb Meter hohe Kunstwerk abgeschlossen haben. Aber davon ist nichts mehr zu sehen.

Die feuchte Wand, an der das Epitaph hängt, sei Schuld daran, dass es überall Risse zeigt und bei vielen der reichen Verzierungen Stücke fehlen, erklärt Architektin Sonja Behrens, die das Restaurierungsprojekt leitet. Das Gedächtnismal aus Stein und Marmor wird von zahlreichen eisernen Stäben und Klammern zusammen und an der Wand gehalten. Die Feuchte in der Wand habe das Eisen mit den Jahren rosten lassen, weiß Behrens. Das Metall habe sich dabei ausgedehnt und seine steinerne Umgebung gesprengt, so die Projektleiterin.

Weil die Besucher der Stiftskirche vor herabfallenden Stücken nicht mehr sicher waren, hat man das Epitaph bereits vor zwei Jahren eingehaust, das heißt mit einer Wand aus milchigem Plexiglas umgeben. Ab Herbst sollen Steinmetze nun das Kunstwerk Stück für Stück von oben nach unten abbauen. Die Einzelteile kommen sorgfältig beschriftet in ein Zelt, das im Foyer der Stiftskirche gleich neben dem Epitaph aufgeschlagen wird und eine Art Regallager bietet. Anschließend wird das ganze wieder von unten nach oben Stein für Stein wie ein Puzzle zusammengesetzt. Jedoch nicht, bevor man das alte Eisen durch rostfreien Edelstahl ersetzt hat. 

Rund 135.000 Euro kostet die Restaurierung. Aber schließlich handelt es sich laut Landesamt für Denkmalpflege um eines der bedeutendsten Epitaphe in Württemberg. Das Gedächtnismal stammt aus der Hand oder zumindest aus der Werkstatt des Bildhauers Christoph Jelin, einem Meister seines Fachs. Einen Scheck über 20.000 Euro konnte die Stiftskirchenpfarrerin Susanne Wolf am Dienstag entgegennehmen, übergeben von Professor Dr. Dieter Planck von der Denkmalstiftung und Hubert Gfrörer von der Staatlichen Toto-Lotto GmbH Baden-Württemberg, aus deren Gewinnen die Stiftung ihre Zuschüsse finanziert. Das Landesdenkmalamt wird die Restaurierung mit knapp 41.000 Euro unterstützen. Fast 15.000 Euro kommen von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, gut 7.000 Euro vom Kirchenbezirk Tübingen. Die restlichen rund 52.000 Euro muss die Stiftskirchengemeinde selbst bezahlen. Sie hofft auf Spenden.

Geschrieben von Andreas Föhl am 07.07.2017.


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