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Den Glauben des anderen kennen lernen

„Also, ich wurde hier getauft“, erklärt Leonie stolz. Mit anderen Kindern aus dem Kinderhaus Rübenloch steht sie am Taufstein in der katholischen Kirche St. Johannes. Nicht alle sind katholisch wie Leonie. Auch evangelische Kinder, muslimische und Kinder ohne Konfession sind mit ihren Eltern und Erzieherinnen in die Kirche gekommen.

Davor haben sie die Moschee am Stadtgraben besucht. Marianne Martin von der Familienbildungsstätte Tübingen (FBS) hat den Besuch der beiden Gotteshäuser am Mittwochnachmittag organisiert. „Erleben, Feiern, Erfahren – unsere Schatzkiste: Religionen“ heißt das Projekt der FBS. Es richtet sich an Kindertageseinrichtungen im Landkreis Tübingen. Begleitet wird Marianne Martin von Yasemin Dülgar. Die junge Muslima studiert islamische Religionslehre am Zentrum für islamische Theologie der Universität Tübingen. Neben Stadtteil-Spaziergängen zu Moscheen, Kirchen oder anderen religiösen Orten machen die beiden Frauen den Kitas im Landkreis weitere interkulturelle und interreligiöse Angebote. „Wir wollen die Erzieherinnen unterstützen“, sagt Marianne Martin. Etwa bei der Frage „Wie können wir in unserem Kindergarten das Opferfest begehen?“. Neben Projekten in den Kitas zu religiösen Festen oder religiösen Geschichten bieten Marianne Martin und Yasemin Dülgar auch Fortbildungen für Erzieherinnen an, beispielsweise einen Fachtag im Oktober, der Abschied und Tod im Christentum und im Islam thematisiert.

Dabei geht es dem christlich-muslimischen Tandem „um Wissensvermittlung, nicht um Glaubensvermittlung“, betont Martin. Yasemin Dülgar formuliert ihr Anliegen so: „Der Glaube des anderen soll den Kindern nicht fremd sein“. Zu wissen, was der andere glaubt, überwinde Berührungsängste und helfe dabei, miteinander in Kontakt zu kommen, sagt die Studentin. 

Mit diesem Ziel richtet sich das Projekt auch an Eltern. Beim Besuch der Moschee und der katholischen Kirche sind die Erziehungsberechtigten sogar in der Überzahl. Während die Kinder in St. Johannes auch mal zwischen den Bänken herumspringen, nehmen die Eltern den Kirchenraum aufmerksam wahr und hören interessiert zu, was Kirchenführer Franz-Josef Schnaidt zu Tabernakel, Taufstein, Marienaltar und Orgel erklärt.

Die „Schatzkiste Religionen“ der FBS ist Teil des Programms „Interkulturell-interreligiös sensible Bildung in Kindertageseinrichtungen“, das von der Stiftung Kinderland Baden-Württemberg gefördert wird. Professor Dr. Reinhold Boschki begleitet das Programm wissenschaftlich. Der Tübinger Religionspädagoge ist auch beim Stadtteilspaziergang dabei. Interkulturell-interreligiöse Bildung „soll Hemmschwellen und Vorbehalte abbauen“, sagt Boschki.  Sie fördere die Begegnung und den Austausch zwischen Menschen, die unterschiedlichen Religion angehören oder nicht an Gott glauben. Dabei sollen auch die Unterschiede zur Geltung kommen. Es gehe darum „Gemeinsamkeiten zu entdecken und Unterschieden gerecht zu werden“, so der Religionspädagoge und darum, eine respektvolle Haltung gegenüber dem anderen zu gewinnen.

Besuche von Kirchen oder Moscheen unterstützten diese Haltung in besonderer Weise, ist Boschki überzeugt. Denn die Erfahrung von Räumen biete mehr als bloße Informationen. „Der Raum“, erklärt der Theologe, „verändert die Person“.

Geschrieben von Andreas Föhl am 15.03.2017.


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