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Monochrome Glaubensbotschaften

Kommenden Samstag wird das Oratorium „Die Graue Passion“ in der Tübinger Stiftskirche aufgeführt – eine Vertonung der gleichnamigen Altarbilder von Hans Holbein dem Älteren. Die Kunsthistorikerin Dr. Elsbeth Wiemann stellte die spätmittelalterliche Bilderreihe jetzt mit einem Vortrag und zahlreichen Bildern an gleicher Stelle vor.

Dabei gab die Konservatorin der Staatsgalerie Stuttgart, wo die Graue Passion seit 2003 im Original zu sehen ist, einen Überblick der monochromen, der – weitgehend – einfarbigen Malerei von der Antike bis in die Gegenwart. In diesen Kontext stellte sie auch die Altartafeln Holbeins.

Modernen monochrom malenden Künstlern wie Yves Klein gehe es um die Farbe, erklärte die Kunsthistorikerin. Wenn in ihren Bildern neben Flächen auch Motive auftauchten, hätten diese lediglich den Zweck, die Farbe in ihren unterschiedlichen Schattierungen zum Ausdruck zu bringen. Ganz anders die Ton-in-Ton-Malerei des Mittelalters wie die Grisaille- oder der Camaieu-Malerei. Hier stehe das Motiv im Vordergrund und die Farbe habe dienenden Charakter.

Vertreter der Grisaille- oder Grau-Malerei waren die niederländischen Skulpturen- oder Steinmaler wie Jan van Eyck. Seine Abbildungen der Maria und des Engels auf den Außenflügeln des Dresdner Marienaltars sehen dreidimensionalen Skulpturen zum Verwechseln ähnlich. Die Skulpturenmalerei habe viele spätere Künstler beeinflusst, so Wiemann, auch Hans Holbein den Älteren. Seine zwischen 1495 und 1500 entstandene Graue Passion besteht aus zwölf Tafeln, die die Leidensgeschichte Christi und seine Auferstehung zeigen. Die Tafeln bebilderten ursprünglich zwei Altarflügel von innen und außen. Das große, zentrale Darstellung der Kreuzigung ist verschollen.

Während sich Skulpturenmalerei sonst nur auf den Außenseiten der Altarflügel findet, zeigt Holbein auch auf der Innenseite „eine zur Monochromie tendierende Gestaltung“, so Wiemann. Holbein wollte damit jedoch keine Skulpturen vortäuschen. Zwar sehen die Gewänder der Personen auf Holbeins Tafeln wie in Stein gehauen aus, aber „ein spezifischer Bildwerkcharakter im Ganzen lässt sich nicht ausmachen“, urteilt die Kunsthistorikerin. Holbein hat neben Grau in Grau und Ocker in Ocker auch intensive Farben verwendet, die durch die Beimischung von Glaspartikeln besonders hervortreten. Dadurch und durch die reichliche Verwendung von Gold entstehe der Eindruck des „Exquisiten und Kostbaren“. Holbeins Farbgestaltung habe das Ziel „komplexe Glaubensaussagen deutlich zu machen“, sagte Wiemann und zeigte die Tafel, auf der zu sehen ist, wie Christus vom Kreuz abgenommen wird: Maria umfasst und küsst ihren toten Sohn. In dieser Darstellung Holbeins, so die Kunsthistorikerin, werde das Geheimnis der Wandlung in der Eucharistie sichtbar.

Unter den Zuhörern in der Stiftskirche war auch der Komponist des Oratoriums Klaus Sebastian Dreher. Seine musikalische Interpretation der Grauen Passion ist am Samstag, den 1. April, um 20 Uhr in der Stiftskirche zu hören.

Geschrieben von Andreas Föhl am 30.03.2017.


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