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Kinder sind kein Humankapital

35 Jahre lang war Ulrich Bringewald Fachberater für Kindertagesstätten im evangelischen Kirchenbezirk Tübingen. Am heutigen Dienstag räumt er seinen Schreibtisch in der Villa Metz. In vier Jahrzehnten hat der Sozialpädagoge viele Veränderungen in der Kindergartenarbeit begleitet und auf den Weg gebracht.

Als der gebürtige Gelsenkirchener am 1. April 1981 nach Tübingen kam, waren die Kindergärten fünfeinhalb Stunden am Tag geöffnet und die Kinder wurden über Mittag heimgeschickt. „Da haben die Erzieherinnen zu Hause für ihre Männer gekocht“, berichtet Bringewald. Unter seiner Regie wurden die Öffnungszeiten zuerst ausgedehnt, dann die Mittagspause abgeschafft und schließlich eine Ganztagesbetreuung angeboten. Auch die Altersspanne der Kinder hat sich geweitet: Zunächst durften auch schon Zweijährige kommen, inzwischen gibt es im Kirchenbezirk auch mehrere Krippen für Ein- bis Dreijährige. Zudem haben sich die Trägerstrukturen gewandelt: Kleine Kirchengemeinden, so Bringewald, geben ihre Kindergärten zunehmend in die Trägerschaft des Kirchenbezirks.

Besonders wichtig war dem Fachberater die Begleitung der Erzieherinnen. Befähigt durch eine Analytische Supervisionsausbildung bot Bringewald – etwa in Konfliktsituationen – Einzel- und Gruppensupervisionen an. Daneben war er in Sachen Qualitätsmanagement in den Einrichtungen des Kirchenbezirks unterwegs.

Ulrich Bringewald ist in Gelsenkirchen „auf Schalke“ geboren, in Recklinghausen aufgewachsen und hat in Frankfurt am Main das Gymnasium besucht. An der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität hat er zunächst zwei Semester Jura studiert, bevor er 1972 zum neuen Studiengang Diplompädagogik wechselte. Während seines Studiums war Bringewald „sehr politisch“, wie er sagt. Er war Redakteur der Zeitung „Antimilitarismus-Information“ und schrieb Beiträge über Friedenserziehung, die Nato oder Waffenexporte. Nach bestandenem Diplom arbeitete er als Gruppenleiter im Kindergarten der evangelischen Dreikönigsgemeinde in Frankfurt. Der Liebe Willen suchte Bringewald dann eine Stelle in Tübingen und wurde prompt fündig. Die hiesige Fachberaterstelle war seit einem Jahr unbesetzt.

Die gegenwärtigen Entwicklungen in der Kleinkindpädagogik sieht der scheidende Fachberater kritisch. „Es gibt die Tendenz, immer mehr Wissen vermitteln zu wollen“, sagt der Pädagoge und spricht von einem „Frühförderwahn“. Stattdessen lautet sein Apell „Lasst die Kinder spielen“. Lernen und Spielen seien keine Gegensätze, so Bringewald. Kinder dürften „nicht als Humankapital angesehen werden“, sondern müssten in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gefördert werden. Das Spielen habe dabei eine zentrale Bedeutung.

Auch das evangelische Profil der Kindergärten im Kirchenbezirk sei ihm immer wichtig gewesen, betont der Fachberater. Dazu gehörten Kirchenfeste, biblische Geschichten, christliche Lieder, das Gebet vor dem Essen und im Morgenkreis und auch der interreligiöse Dialog mit dem Islam und dem Judentum. Vor allem komme es darauf an, auf die Fragen der Kinder einzugehen, sagt Bringewald, etwa zu Sterben und Tod. Auf Fragen wie „Wo ist der Himmel?“ oder „Wo ist Gott?“ gelte es keine einfachen Antworten zu geben, sondern mit den Kindern in den Dialog zu treten.

Jetzt im Ruhestand erhofft sich der passionierte Pfeife-Raucher mehr Zeit als bisher für sein großes Hobby, das Lesen, für Reisen in die Provence oder das Schachspiel. Zunächst aber wird weitergearbeitet und zwar als ehrenamtlicher Helfer in der Vesperkirche – natürlich bei der Kinderbetreuung.

Geschrieben von Andreas Föhl am 31.01.2017.


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