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Christliches Wahrheitsbewusstsein in moderner Gesellschaft

Der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Frank O. July fordert die Christen dazu auf, sich in Fragen der Spiritualität und des Glaubens wahrnehmbar zu positionieren. In sozial-ethischen Fragen würden Christen eine starke gemeinsame Position vertreten, in Glaubensfragen seien sie jedoch „weit aufgefächert“, sagte July im Rahmen einer Podiumsdiskussion am Freitagabend im Evangelischen Stift in Tübingen. Der christliche Glaube stehe vor der „Herausforderung, in der modernen Gesellschaft sein Wahrheitsbewusstsein auszudrücken“, so der Landesbischof.

Welche Rolle spielt die Religion für die Bildung und die Gesellschaft? Über diese Frage diskutierten im Evangelischen Stift der Bischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg Dr. h.c. Frank O. July, der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der evangelischen Religionspädagoge Professor Dr. Friedrich Schweitzer sowie die Leiterin des Tübinger Geschwister-Scholl-Gymnasiums Cornelia Theune. SWR-Redakteur Holger Gohla moderierte das Gespräch.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann machte auf einen „starken laizistischen Trend in der Gesellschaft“ aufmerksam. Seiner Beobachtung nach befürworteten viele Menschen eine stärkere Trennung von Staat und Kirche. Um den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen müsse man sich wegen seiner Verankerung im Grundgesetz zwar „erst mal keine Sorgen machen“, sagte der Ministerpräsident. Zugleich betonte er: „Der Religionsunterricht hat nur seine Berechtigung, solange Religion etwas ist, was die Menschen im Innersten bewegt“. Ministerpräsident Kretschmann forderte von der Religion „Anschlussfähigkeit“ an eine moderne, pluralistische Gesellschaft. Auf der anderen Seite müsse die moderne, liberale Gesellschaft lernen, mit „sperrigen“ religiösen Meinungen umzugehen. Als Beispiel nannte er evangelikale Christen, die sich gegen ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare aussprechen. „Wir müssen lernen, das auszuhalten“, sagte Kretschmann.

Landesbischof Frank O. July sieht die Religion noch stark in der Gesellschaft verankert. Er verwies darauf, dass in Baden-Württemberg 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Konfession angehörten. Der Bischof lobte das Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland als „ausgewogen“. Gerade im Bereich der Bildung tue der Staat gut daran, die Kirchen einzubeziehen. Es sei ein Kennzeichen totalitärer Staaten, dass sie die alleinige Hoheit über die Bildung beanspruchten.

Der Religionspädagoge Professor Dr. Friedrich Schweitzer rief den Staat dazu auf, die Bildung vor den Interessen der Wirtschaft zu schützen. „Schulen müssen Orte sein, in denen Zeit und Möglichkeit ist, Urteilsfähigkeit zu entwickeln“. Bildung ohne Religion bleibe unvollständig: „Keine Bildung ohne Religion und keine Religion ohne Bildung“, sagte Schweitzer. Auch Schulleiterin Cornelia Theune unterstrich: „Bildung ist mehr als junge Menschen für Beruf und Arbeitswelt zu qualifizieren“. Zur Bildung gehörten auch die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und die Erziehung zur Verantwortung, so die Rektorin.

Anlass für das Podiumsgespräch war der Truck des Europäischen Stationenweges, der von Freitag bis Sonntag Halt in Tübingen machte. Der Europäische Stationenweg ist eine Aktion der evangelischen Kirche im Rahmen des Reformationsjubiläums 2017: Ein Lastwagen bereist 67 Städte in 19 europäischen Ländern und sammelt in jeder Stadt Geschichten zur Reformation. Die bereits gesammelten Geschichten können sich Besucher im Innenraum des Trucks an Bildschirmen und Computern anschauen und in einem Internet-Blog auch eigene Reformationsgeschichten erzählen. Im Mai kommt der Reformationstruck nach 25.000 Kilometern mit seinen gesammelten Geschichten an seinem Ziel, der Lutherstadt Wittenberg, an. In Tübingen wurde der Aufenthalt des Lastwagens von einem vielfältigen Rahmenprogramm begleitet: Neben der Podiumsdiskussion im Evangelischen Stift am Freitagabend, erzählten Fachfrauen und -männer an sieben Originalschauplätzen Geschichten zur Reformation in Tübingen.

Geschrieben von Andreas Föhl am 18.12.2016.


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