Bezirkssynode berät über Finanzen – und über Spiritualität

Dr. Wolfgang Bittner

Spiritualität müsse konkret und persönlich werden durch Geschichten, sagte der schweizer Theologe Dr. Wolfgang Bittner am Montag, 13. Juli vor der Bezirkssynode des Evangelischen Kirchenbezirks Tübingen im Stephanusgemeindezentrum: „Ihre eigene Lebensgeschichte ist das Bilderbuch Ihres Glaubens“, rief er den 127 Delegierten aus allen evangelischen Kirchengemeinden des Bezirks zu.

Das Referat des schweizer Pfarrers, Buchautors und kirchlichen Beauftragten für Spiritualität in Berlin bildete den Auftakt zum neuen Jahresthema des Evangelischen Kirchenbezirks „Worte finden für den Glauben“. Dekanin Dr. Marie-Luise Kling-de Lazzer hatte bereits zuvor darauf hingewiesen, dass aufgrund des Traditionsabbruchs und einer zunehmenden religiösen Vielfalt heute eine ganze Generation gefordert sei, neue Wege aus der Sprachlosigkeit in Glaubensfragen zu finden. Durch spirituelle Übungen sei dies möglich, sagte Dr. Bittner: So seien bei der Bibellektüre oder der Verkündigung nicht möglichst viele Informationen schnell zu vermitteln, sondern im Gegenteil wenige Inhalte langsam, damit diese sich voll entfalten könnten. Die Bibel sei voll von Bildern und Geschichten, die zur innerlichen Betrachtung anregten: „Ich muss etwas sehen können, damit ich es verstehe“, so Bittners Credo. Dazu sei auch die eigene Lebensgeschichte zu betrachten. So illustrierte er die theologische Spannung zwischen der Gewissheit, dass die Erlösung zwar schon jetzt da sei, aber noch nicht vollständig zum Durchbruch komme, mit einer Erfahrung aus seinem schweizer Dorfpfarramt: Ein Bettler habe würdevoll darauf hingewiesen, dass er ja eigentlich „ein kleines Vermögeli“ habe – aber „im Moment nit flüssig“ sei. Bittner rief die Bezirkssynodalen auf: „Sie müssen die Geschichte sehen, die in einem Begriff drinsteckt, damit er Kraft hat!“

Vor der Spiritualität, den Geschichten und Bildern standen in der ersten Sitzungshälfte zunächst nüchterne Zahlen auf der Tagesordnung: Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise mache auch vor den Kirchen nicht Halt, berichtete Kirchenbezirksrechner Martin Schüßler: Zwar könne die Landeskirche den Kirchensteuerverteilbeitrag für das Jahr 2010 nochmals um 1,5 Prozent anheben, danach seien jedoch keine weiteren Erhöhungen mehr vorgesehen – trotz weiter steigender Personal- und Sachkosten. „Die nächsten Jahre können nur durch Eingriffe in die Rücklagen überbrückt werden“, erklärte Schüßler. Die größte Herausforderung der nächsten Jahre bestehe in der seither nicht üblichen, nun aber vorgeschriebenen Bildung von Substanzerhaltungsrücklagen für die kirchlichen Gebäude; bezirksweit sei hier mit einem Mehraufwand von rund 200.000 Euro zu rechnen. Die Bezirkssynode beschloss deshalb, den einzelnen Kirchengemeinden statt bisher 50 künftig 75 Prozent ihrer Mieteinnahmen zur freien Verfügung zu lassen. Gleichzeitig setzte die Synode die Bezirksumlage für das Rechnungsjahr 2010 auf 24,25 Euro je Gemeindeglied fest. Das sind zwar 2,25 Euro mehr als 2009, doch resultiert die Erhöhung größtenteils aus einer anderen Darstellung der Kosten für eine Diakonenstelle und für Kindertagesstätten – „ein so genanntes Nullsummenspiel“, erläuterte Schüßler. Die tatsächliche Steigerung betrage nur 50 Cent und damit 1,5 Prozent. Schließlich beschloss die Bezirkssynode, bei den Zuweisungen für die Kindertagesstätten grundsätzlich eine Abmangelbeteiligung der bürgerlichen Gemeinden von 86 Prozent plus vier Prozent Verwaltungskosten vorauszusetzen – günstigere oder ungünstigere Regelungen vor Ort gehen dann zu Gunsten oder zu Lasten der betroffenen Kirchengemeinde.

Das in allen Kirchengemeinden jährlich in einem Sonntagsgottesdienst eingesammelte Bezirksopfer soll auf Beschluss der Bezirkssynode im Jahr 2009 einem Projekt der Tübinger Bahnhofsmission zufließen: Das neue „Nachtcafé“ im Raum der diakonischen Einrichtung im Tübinger Bahnhof solle ab Oktober mittwochs bis sonntags von 17.30 Uhr bis 22 Uhr eine Anlaufstelle für Bedürftige sein, erklärte Mitarbeiterin Sylvia Takacs. Zu den auf 11.000 Euro veranschlagten Kosten für die Renovierung des Raums und die Schulung von Ehrenamtlichen wird der Kirchenbezirk mit einem zu erwartenden Bezirksopfer in Höhe von rund 8.000 Euro nun einen wesentlichen Beitrag leisten.

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Geschrieben von Pressepfarrer Peter Steinle am 14.07.2009.


  

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