Pfarrer Dr. Jens Schnabel: Esoterik als Anfrage ans Christentum

Pfarrer Jens Schnabel

Die Esoterik sei auch eine Anfrage an die christlichen Kirchen, sagte Pfarrer Dr. Jens Schnabel aus Kusterdingen-Mähringen bei der Präsentation seines neuen Taschenbuches „Steine, Pendel, Sphärenklang“ am Dienstag, 21. Oktober im Literaturcafé in der Kunsthalle Tübingen.

Wenn manche Menschen die Antworten auf ihre Lebensfragen eher im Bereich der Esoterik fänden, müssten sich die Kirchen selbstkritisch fragen, was sie versäumt haben. Das Christentum müsse seine „Schätze der Spiritualität“ wiederentdecken, forderte der Theologe.

Esoterik sei für manche Menschen attraktiv, weil sie konkrete Entscheidungshilfen für den Alltag anbiete wie Mondkalender oder Tarotkarten und weil sie Antworten auf entscheidende Lebensfragen gebe: Der Mensch sei Teil eines kosmischen Entwicklungsprozesses, auf den Tod folge die Reinkarnation, also eine Wiedergeburt oft auf einer höheren Ebene des Menschseins. Schicksalsschläge seien deshalb Ausdruck des „Karmas“, also Konsequenzen aus eigenem Verhalten in früheren Leben.

Schnabels Anfragen richteten sich zunächst an die Esoterik, dann aber auch selbstkritisch an die christlichen Kirchen: In der Esoterik spielten die Mitmenschen ebenso wenig eine Rolle wie die Verantwortung vor anderen Menschen oder vor Gott. „Die Fülle der menschlichen Beziehungen geht in der Esoterik verloren“, kritisierte der Theologe: „Aus dem Verhältnis des Menschen zu den Mitmenschen, zur Welt, zu Gott und zu sich selbst wird ein reines Selbstverhältnis“. Weil persönliche oder globale Schicksalsschläge mit „karmischen Zusammenhängen“ begründet würden, fehle der Esoterik zudem die soziale Verantwortung für Notleidende: „Der Mensch ist ein armes Geschöpf, wenn er nur auf sich selbst geworfen ist“, zeigte sich Schnabel überzeugt.

Schnabel sieht Zusammenhänge zwischen der Popularität von esoterischen Angeboten und Defiziten der christlichen Kirche: „Die starke Intellektualisierung des Christentums seit der Aufklärung hat zu einer Ausblendung der eigenen mystischen und spirituellen Traditionen geführt.“ Hier diagnostiziert der Theologe Nachholbedarf für die christlichen Kirchen: Mystik und Meditation, Gebete, Heilungen und Segnungen gehören für ihn zu den „Schätzen christlicher Spiritualität“, die erst langsam wieder ins Bewusstsein der Kirchen rückten. „Christen haben eine wertvolle, wichtige und freimachende Botschaft“, resümierte Schnabel: „Es braucht aber auch die Bereitschaft, die Menschen von heute in ihrer Lebenswelt mit ihren Sehnsüchten und Sorgen wahrzunehmen.“

Für seine Darstellung der Esoterik hat Jens Schnabel die Werke von neun für die Esoterik repräsentativen Autorinnen und Autoren herangezogen, die unterschiedliche Teilgebiete abdecken von der Theosophie über Tarot bis zur New-Age-Bewegung. Dazu gehören unter anderem die Autoren Thorwald Dethlefsen, Rüdiger Dahlke und Louise L. Hay.

Buchcover Steine, Pendel, SphärenklangPfarrer Dr. Jens Schnabel ist vor 38 Jahren in Stuttgart geboren, seit 2006 ist er Gemeindepfarrer der evangelischen Kirchengemeinden Mähringen und Immenhausen im Kirchenbezirk Tübingen. 2006 promovierte er bei Professor Gottfried Küenzlen in München über „Das Menschenbild der Esoterik“. Er ist verheiratet und Vater von vier Töchtern.

>>> Evangelische Kirchengemeinden Mähringen und Immenhausen
>>> Literaturcafé in der Kunsthalle Tübingen
>>> Buch "Steine, Pendel, Sphärenklang" im Neukirchener Verlag

Geschrieben von Pressepfarrer Peter Steinle am 22.10.2008.


  
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