Kamerun-Kirchenbezirkspartnerschaft

Praktikanten Judith Wittmann und Malte Schweizerhof (2009/10)

 

Lockerer sei er geworden, seit er in Afrika lebe, sagt der 19-jährige Malte Schweizerhof aus Tübingen-Hirschau: „Hier in Kamerun ist das Leben einfacher – im doppelten Sinne: Es ist primitiver, aber auch unkomplizierter.“ Im Rahmen der Partnerschaft zwischen dem Evangelischen Kirchenbezirk Tübingen und dem Bezirk East Mungo South der Presbyterianischen Kirche in Kamerun absolviert der Abiturient gemeinsam mit der 20-jährigen Judith Wittmann aus Starzach-Wachendorf noch bis Ende März ein halbjähriges Praktikum in der Partnerkirche.

"Die Europäer haben die Uhr - die Afrikaner haben die Zeit" 

Malte und Judith mit Dekan Samuel Fonki„Die Europäer haben die Uhr, die Afrikaner haben die Zeit – an diesem Sprichwort ist schon was dran“, erzählt Malte lachend: „In Kamerun lässt man sich nicht so schnell stressen wie in Deutschland“. Die Menschen begegneten ihm offener, weniger misstrauisch und äußerst gastfreundlich, sagt er. So seien Judith und er kürzlich zum Mittagessen bei einem befreundeten Taxifahrer gewesen: „In seiner Familie ist jeder Cent wichtig, aber er hat uns trotzdem gerne eingeladen. Ein Kameruner würde selbst sein letztes Huhn für einen Gast schlachten.“ Die Armut sehe er überall, berichtet der Praktikant, doch müsse nach seiner Kenntnis niemand hungern, weil das Land sehr fruchtbar sei: Es würden genügend Lebensmittel angebaut, die auch für Arme erschwinglich seien. Herzlichkeit, Lebensfreude, Gemeinschaftssinn und die Fähigkeit, sich auch über kleine Dinge zu freuen, schätze er ganz besonders an den Einheimischen, erzählt Malte: „Die Menschen hier scheinen mir trotz ihrer materiellen Nöte glücklicher als viele Deutsche. Vielleicht schließen sich großer Wohlstand und Lebensfreude sogar in irgend einer Weise aus – darüber müsste man mal nachdenken“, grübelt der 19-Jährige: „Das bedeutet aber natürlich nicht, dass man nichts gegen die Missstände unternehmen muss.“

In der Schule: 74 handgeschriebene Deutschtests

Malte mit seiner zweiten Oberschulklasse in Bonaberi
Judith Wittmann ist wie ihr Praktikumskollege sehr zufrieden mit dem Privatquartier, in dem die Kirchengemeinde die beiden untergebracht hat: In einer wohlhabenden Gastfamilie hat jeder der beiden ein Einzelzimmer mit Klimaanlage – was in der Millionenstadt Douala mit einer Außentemperatur von bis zu 35 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent echten Komfort bedeutet. Die jungen Deutschen haben zwei Einsatzorte: Montags und freitags unterrichten sie Deutsch an der kirchlichen Sekundarschule im Stadtteil Bonaberi – Judith in zwei ersten Oberschulklassen, Malte in der zweiten. Zu Anfang hätten sie sich überfordert gefühlt, sagt Judith: „Wir haben keine Schulbücher, keinen Lehrplan und keine pädagogische Ausbildung – trotzdem traut man uns alles zu, nur weil wir Deutsche sind“. Maltes Schüler seien zwischen zehn und 15 Jahren alt, erzählt er, und während in einer staatlichen Schule bis zu hundert Kinder in eine Klasse gingen, seien es bei ihm „nur“ 55. Die seien allerdings immer sehr respektvoll und akzeptierten den Lehrer als höchste Autorität. „Wir lehren jetzt einfach mal ins Blaue hinein und machen munter Plakate, Spiele und Übungen – sogar 74 Deutschtests haben wir von Hand für unsere Schüler geschrieben“, berichtet Malte unverdrossen.

Im Gesundheitszentrum: Bei einer Geburt dabei sein

Judith und Malte mit Dr. Amidu Asoah Tekuh, dem Chefarzt der Augenklinik in BepandaDie Geburt eines kleinen Mädchens miterleben zu dürfen war das beeindruckendste Erlebnis für die beiden jungen Deutschen an ihrem zweiten Einsatzort, dem kirchlichen Gesundheitszentrum im Stadtteil Bepanda. Für Judith war es in der Frauenklinik zunächst „seltsam, schwangere, verheiratete Frauen zu sehen, die jünger oder gleich alt sind wie ich.“ Dass sie sogar bei einer Geburt dabei sein durfte, „hat bei mir eine Freude hervorgerufen, die den ganzen Tag angehalten hat.“ Auch Malte fand die Geburt „wunderschön, sie berührte etwas in meinem Inneren.“ Als er das neugeborene Mädchen sogar auf seinen Arm nehmen und der Oma übergeben durfte, da „schaute mir das Baby eine halbe Ewigkeit in die Augen – das war, so empfand ich es, als blicke es mir direkt ins Herz.“ Ein unglaubliches, unvergessliches Erlebnis sei das gewesen, beteuern beide Praktikanten. Wenn sie dienstags, mittwochs und donnerstags im Gesundheitszentrum mithelfen, erleben sie aber auch schwierige Situationen: Malte konnte sich in der Zahnklinik nur schwer an die Schmerzensschreie der Patienten gewöhnen, denen die Zähne ohne Betäubung gezogen werden. Und für Judith ist es eine Herausforderung, wenn sie in der Frauenklinik einer Patientin nach dem AIDS-Test die Diagnose mitteilen muss, sie sei HIV-positiv. „Eigentlich würde ich dann am liebsten mitheulen, aber das geht natürlich nicht“, berichtet sie: „Ich versuche Trost zu spenden wie ich nur kann – nur die Hoffnung auf lebensverlängernde Medikamente darf ich nicht wecken, weil die sich hier die Allerwenigsten leisten können“. Überhaupt sieht Judith in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung die größte Not in Kamerun: „Wer arm ist, stirbt an einer Krankheit, die eigentlich leicht heilbar wäre, nur weil kein Geld für eine richtige Behandlung da ist.“

Singen, Tanzen und Gemeinschaft im christlichen Jugendtreff

Malte mit der Tanzgruppe des CYF BonamoussadiEin weiterer Fixpunkt im Kameruner Leben der beiden Praktikanten ist der „Christian Youth Fellwoship“ (CYF), der christliche Jugendtreff der Kirchengemeinde Bonamoussadi. „Wenn man Mitglied einer kirchlichen Gruppe ist, braucht man sich keine Sorgen mehr über mögliche Langeweile machen“, berichtet Judith: „Zu den zwei wöchentlichen Treffen kommen meist noch weitere Termine dazu.“ So nahmen die beiden mit ihrer Gruppe an einem Dezemberwochenende an einem „Rally“ genannten kirchlichen Sing- und Tanzwettbewerb in der nahe gelegenen Universitätsstadt Buea teil: Als Zuschauer bei den Darbietungen der anderen Gruppen sei er „aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen“, erzählt Malte: „Der Einfallsreichtum und die Flexibilität der rhythmischen Bewegungen waren atemberaubend.“ Umso mehr überraschte ihn dann der eigene Auftritt: „Alle legten eine einheitliche Performance hin, und mir blieb keine Zeit mehr, mich auch nur entfernt an den Tanz zu erinnern – ich versuchte einfach, alles nachzumachen.“ Als einzige Weiße hätten Judith und er aber ohnehin viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen: „Die Zuschauer jubelten ohrenbetäubend und einige Leute sind gleich auf mich losgestürmt, um mich zu umarmen – das hat mich für meine undankbare Rolle entschädigt!“

Fazit: "Wir sind dankbar und glücklich"

Malte und Judith mit Chief Ada Kesi, Dekan Samuel Fonki und Dekan Kingsley Titatang„Wir sind sehr dankbar und glücklich, die beiden hier zu haben“, lobt Dekan Samuel Fonki aus Douala: „Sie sind unkompliziert und haben sich hier sehr schnell eingefügt.“ Die beiden Praktikanten bestätigen: An die häufigen Wasser- oder Stromausfälle hätten sie sich ebenso gewöhnt wie an die langsame Internet-Geschwindigkeit. Beide antworten auf die Frage, ob sie ein solches Praktikum wieder machen würden: „Auf jeden Fall!“ Malte möchte nach seiner Rückkehr die geliebte afrikanische Gastfreundschaft auch in Deutschland praktizieren. Und worauf freut sich Judith, wenn sie am 27. März wieder in die Heimat zurückkehrt? „Auf deutsches Brot – und Schokolade!“

Peter Steinle

Musik-Video des CYF Bonamoussadi featuring Malte & Judith