Kirchenbezirkspartnerschaft Kamerun

Praktikantin Lena Bresch (2006/07)

Lena Bresch

 

Ihr Haar ist zu Zöpfchen geflochten, an ihrem Arm klappert ein Armreif aus Holz. Lena Bresch ist erst seit kurzem wieder in Deutschland. Fünf Monate lang unterrichtete die Kilchbergerin Schulkinder am Mother Teresa College in Douala, der größten Stadt in Kamerun. Ihr Praktikum im Internat war ein Pilotprojekt. Ermöglicht hat es die Partnerschaft zwischen dem Evangelischen Kirchenbezirk Tübingen und dem Kirchenbezirk East Mungo South.

Seit Lena Bresch wieder zurück ist, löchern sie andere junge Leute mit Fragen. Ob man sich in Kamerun schnell einlebe, wie man es umgehen könne, sich zu blamieren, und wie das Wetter sei. „Das wichtigste ist, offen zu sein“, sagt die 20-Jährige. Man müsse damit klarkommen, dass man am Tag nur fünf Liter Wasser hat. „Aber falsch machen kann man nicht viel. Die Kameruner empfangen einen mit offenen Armen.“ Sie hat nun eher das Problem, sich in Deutschland wieder einzuleben.

Vor dem Medizin-Studium

Fünf Monate lang war sie weg. In Duala, einer Stadt mit fast eineinhalb Millionen Einwohnern im Westen Kameruns. Douala gehört zum Kirchenbezirk East Mungo South, mit dem der Evangelische Kirchenbezirk Tübingen eine Partnerschaft hat. Von ihrem Vater Friedemann Bresch, Pfarrer in Kilchberg und Bühl, hat sie vor ihrer Reise einiges über den westafrikanischen Staat erfahren. Nach ihrem Abitur am Sankt-Meinrad-Gymnasium in Rottenburg beschloss sie, selbst hinzufahren. Nicht als Touristin, sondern um eine Zeit lang dort zu leben, bevor sie in Tübingen ihr Medizin-Studium beginnt. „Ich wollte die Menschen kennen lernen, nicht das Land.“

Gottesdienst zur selben Zeit

Die beiden Kirchenbezirke organisierten ihr Praktikum. „Es war ein Pilotprojekt“, sagt Bresch. Sie war die Pionierin: Im kommenden Jahr sollen noch mehr Freiwillige in Bonaberi, einem Stadtteil von Douala, ein Praktikum machen können. Die presbyterianische Kirchengemeinde baut dort gerade eine ehemalige Kirche zur Schule um. Bresch bereitete in der Gemeinde die Bibel-Lesestunden vor und war beim Gottesdienst dabei. „Wenn ich in die Kirche ging, wusste ich, dass im selben Moment auch in Kilchberg die Glocken läuten“ – schließlich gilt in Kamerun die mitteleuropäische Zeit.

Unter der Woche besuchte sie am Mother Teresa College Kurse über kamerunische Geschichte, kümmerte sich um die Kinder in der Vorschule, unterrichtete die Schüler und lebte mit ihnen zusammen. Die Leiterin des Internats, Chief Ada Kesi, hatte eigens für die Besucherin ein kleines Häuschen auf dem Campus bauen lassen.

Meist stand die junge Frau als Lehrerin vor 60 Schülern – „für Kamerun sind das wenige“, sagt sie. Das Mother Teresa College ist eine Privatschule. Trotzdem verlangt die Leiterin für jeden der 380 Schüler ein sehr niedriges Schulgeld. „Ada Kesi möchte, dass auch Kinder von armen Eltern auf die Schule gehen können.“ In Kamerun kostet jede Schule Geld. „Viele Eltern leben am Existenzminimum, damit sie das Schulgeld bezahlen können.“

Aber nicht alle Eltern verdienen ihr kleines Einkommen als Fischer oder Fabrikarbeiter. Auch reiche Afrikaner schicken ihre Kinder auf das College. Die meisten von ihnen kommen aus dem spanischsprachigen Nachbarland Äquatorialguinea – „die Kinder sollen mit drei Sprachen aufwachsen“, erklärt die Praktikantin. Schließlich ist Kamerun mit den Amtssprachen Englisch und Französisch ein zweisprachiges Land.

Deutschland – der Himmel

Obwohl die Kinder Schuluniformen tragen, ist es nicht schwer zu erkennen, wer reich ist und wer arm: „Mit Uhren und Gürteln zeigen sie, wo sie herkommen“, sagt Bresch. „Die einen decken sich am Kiosk mit Süßigkeiten ein, die anderen können sich gar nichts leisten.“

In ihrem Deutschunterricht saßen Neunjährige und solche, die bereits 17 Jahre alt sind. Auch das hängt mit dem Reichtum der Eltern zusammen: Viele können es sich nicht leisten, ihr Kind dann in die Schule zu schicken, wenn es Zeit dafür wäre. Aber egal, in welchem Alter die Schüler sind: „Sie waren alle neugierig auf Geschichten aus Deutschland“, berichtet die Kilchbergerin. „Ihr und wir“ heißt das deutsche Lehrbuch. „Es ist zwar uralt“, sagt sie. „Aber die Bilder von deutschen Autobahnen und Langläufern auf dem schneebedeckten Feldberg beeindrucken die Schüler. Egal wie alt das Buch ist.“ Deutschland erscheine den Kamerunern wie der Himmel auf Erden. „Sie orientieren sich stark am westlichen Lebensstil.“

Absolventen auf der Straße

Ihre Realität sieht anders aus. In Kamerun boomen Studiengänge wie Finanzwirtschaft, Business, Informatik. „Aber weil die Infrastruktur schlecht ist, sitzen viele mit einem tollen Uni-Abschluss auf der Straße.“ Und das, obwohl ihre Familien all ihr Geld in das Studium gesteckt haben, und es nun an den Absolventen läge, das Schulgeld für die kleineren Geschwister zu verdienen. „Viele verzweifeln daran, dass sie ihre Vorstellung vom Leben nicht umsetzen können.“ Deshalb wünscht Bresch, dass noch mehr Menschen die lokalen Projekte unterstützen, damit die Kameruner ihre eigenen Konzerne bauen können und nicht länger von Frankreich dominiert werden: „Gut ausgebildete Leute haben sie ja.“

Ulrike Bretz, Schwäbisches Tagblatt