Impuls / Predigt

Erkennen, wie ich erkannt bin

Wissen explodiert, Systeme lernen selbständig, durch die Datensätze aus meinen Aktivitäten im Internet werde ich fast vollständig berechenbar. Womöglich bin ich längst besser erkannt, als ich mich selbst erkennen kann? Wie kann ich bei diesem Tempo der Wissensvermehrung noch mithalten?

Das Kirchenjahr wirkt gegen diese rasante Entwicklung wie ein Überbleibsel aus uralten Zeiten: In jedem Jahr das Immergleiche. Wirklich? Am Sonntag feiern wir den ersten Sonntag der Passionszeit. Hier steht die Versuchung Jesu im Vordergrund: Jesus ist angefragt, als Mensch über sich selbst hinauszuwachsen, sich zu entgrenzen. Eine dieser Versuchungen ist, alles zu wissen.

Paulus schreibt im Ersten Korintherbrief: „Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ (1. Korinther 13,12) Die Passionszeit geht im Grunde diesem Vers entlang auf Ostern zu. Sie begleitet Jesus auf seinem Weg ans Kreuz und sorgt dabei bei denen, die mitgehen, auch für „stückweises Erkennen“. Im Angesicht dieser Erzählungen werde ich mir bewusst, dass auch ich oft nur an meinen Vorteil denke, lieblos und gedankenlos über andere rede oder schreibe. Ich lerne zu sehen, wie andere abgewertet und ungerecht behandelt werden, ja untergehen. Die Texte spiegeln mir das zurück im hingerissenen Hosianna-Rufen und im feigen Verstecken, in Jesus‘ schockierendem, einsamem und schuldlosem Leiden am Kreuz.

In Paulus‘ Satz liegt aber zugleich die Erkenntnis und die große Hoffnung von Ostern: „Erkannt werden, wie ich erkannt bin“ wird nicht die Summe meiner Datenspuren und keine Bewertung sein, wie viele Likes ich verdient hätte. Es wird keine endgültige Wissensexplosion über mich oder von mir geben. Der Vers sagt nicht: „Dann werde ich alles erkennen“. Denn der Dreh- und Angelpunkt liegt nicht bei mir, sondern bei Gott: Ich werde erkennen, wie ich von Gott erkannt bin. Und das zeigt sich an Ostern: Jesus ist auferstanden! Sein Osterlicht macht das Finstere hell: Es beleuchtet mein stückweises Erkennen und mein unvollkommenes Leben. Aber das geschieht nicht, um mich bloßzustellen oder mehr von mir zu fordern. Es geschieht, um mich in diesem Licht zu wärmen. Es geschieht, um mich darin so lebendig sein zu lassen, wie es am besten für mich ist.

Sind wir ein lernendes System? Immer. Aber im Osterlicht erkennen wir, dass wir auch ein geliebtes sind. Darin lässt es sich getrost forschen und leben.

Pfarrerin Dr. Barbara Hahn-Jooß, Referentin im Dekanatamt

Geschrieben am 06.03.2019


  

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