Impuls / Predigt

Er kommt!

Erster Advent – jetzt geht’s los! Endjahresstress zwischen Glühwein und Krautschupfnudeln. Vier Wochen noch, und dann ist er da, der Heilige Abend. Da muss noch einiges erledigt werden! Laut einer Umfrage wollen die Deutschen in diesem Jahr im Schnitt 282 Euro für Geschenke ausgeben. Erst dann kann er kommen, der Heilige Abend.

Und dann wird auch der kommen, wegen dem der ganze Rummel zelebriert wird. Dann kommt ER in den armseligen Stall und wundert sich über den Glanz. Über all die Geschenke, die da neben Gold, Weihrauch und Myrrhe noch Platz gefunden haben. Als liebliches Kind in der Krippe wird ER den Budenzauber vermutlich noch staunend ertragen. Verbindlich lächeln.

Ganz anders als in dieser anderen Geschichte des Ankommens, die morgen am ersten Advent im Mittelpunkt steht. Das liebliche Kind ist mittlerweile erwachsen geworden. Nach dreijähriger Wanderschaft zieht ER in Jerusalem ein. Auch da wird ER mit viel Glanz und Rummel empfangen. Palmzweige und Hosiannarufe ersetzen die Geschenke.

Er geht direkt in den Tempel. Und findet dort ein Treiben vor, das manchem Weihnachtsmarkt locker das Wasser reichen kann.  Zornig wirft er die Tische und Marktstände um und die Verkäufer und Käufer hinaus. „Mein Haus soll ein Bethaus heißen“, zitiert er die Schrift, „ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.“

Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern mit ihm auch dieser scharfe Widerspruch gegen das, was wir aus dieser Zeit gemacht haben. Aus unserem Haus. Aus unserer Kirche. Aus unserer Welt. In der wir uns nicht mit Wenigem zufrieden geben, sondern dem Immermehr hinterherjagen. Unsere Ressourcen hemmungslos ausräubern. Den vermeintlichen Wohl-Stand sichern und die Mauern um uns herum hochziehen.

Jesus heilt im „gereinigten“ Tempel zuallererst die Blinden. Und zeigt damit, worauf es eigentlich ankommt: Die Augen zu öffnen. Zu sehen, dass unser Leben schon Geschenk genug ist. Und zu erkennen, dass unser Wohl-Stand mehr werden wird, wenn wir uns mit dem Weniger begnügen. Uns beschränken lernen. Weniger Haben, mehr Sein.

„Wenn ihr aufhören könnt zu siegen, wird diese eure Stadt bestehen.“ lässt Christa Wolf Kassandra sagen. Wir müssen nichts erkämpfen. Erstreiten. Erkaufen. Wir haben schon das Wichtigste: Unser Leben. Wenn wir das feiern, und das Leben um uns herum, dann kann ER kommen. Dann wird ER kommen. Dann ist ER schon da. Am ersten Advent.

Pfarrer Christoph Wiborg, Eberhardskirche Tübingen

Geschrieben am 30.11.2018


  

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