Impuls / Predigt

Mehr, immer mehr ...

„... immer mehr Land, und immer mehr Reichtum und immer mehr Wüste und immer wieder mal Krieg...“ (Wolfgang Spielvogel). Ist das die Raserei unserer Zeiten? Steckt da dahinter das Gesetz der „Großen Industrie“ (Karl Marx), alle nicht-renditeträchtigen Formen des menschlichen Miteinanders zu zerbrechen und Umsatz zu entfesseln, auf Teufel komm raus?

Wir spüren: Wachstum ist eine zweischneidige Sache. Wo immer mehr Industriegüter hergestellt werden, wo Konsum auf allen Ebenen angeheizt wird, da wird die Luft zum Leben in jeder Hinsicht knapp. Zum Jahresende wird die heiße Phase der Produktions- und Verkaufsschlachten eingeläutet. Autos, Elektrogeräte, Fernreisen, Computerspiele, alles wartet auf Käufer. Darunter viele Menschen, die dafür hart gearbeitet haben.

Immer mehr Erwerbsarbeit, immer mehr Güter, heißt: Immer mehr Mensch und Natur werden ausgelutscht und ausgepresst, eben industrialisiert. Das lateinische Wort „industria“ bedeutet „eifrige, stetige Betriebsamkeit“. Eine komplett von der „industria“ durchdrungene Welt fordert Opfer. Sie bringt auch industrialisierte Seelen hervor, rastlose Gestalten, deren Ruhe aufgefressen wird.  

Doch Halt! War da noch was? Was Anderes? Am Jahresende? So von wegen: Kriegsopfergedenken und „Nie wieder Krieg!“ Von Totengedenken und wie zerbrechlich und endlich unser Leben ist? War da nicht so was wie eine Zeit der Besinnung? Advent, früher einmal als Fastenzeit begangen, daheim, mit Kerzenlicht und Stille. Ein Zuleben auf ein Fest voller Friede und Ruhe, als Vorgeschmack auf eine neue, andere Welt?
Ja, geht nicht auch Wachstum anders? Mit einem Mehr an Zeit für Begegnung, für Gespräche und Briefe, für Zuwendung und Liebe. Mit einem Mehr an Menschen zugewandter Medizin, mit einem Mehr an Klima- und Artenschutz.

Wir müssen uns und unsere Umwelt nicht ausquetschen für leblose Geräte oder Luxusvergnügungen. Auch wenn uns das die Wehe-Rufe der Wohlstandsgötter beschwörend einreden: „Mehr Industrie - sonst gehen die Lichter aus!“

Jesus, der aus Nazareth, setzt ein Lichtwort (Matthäus 6,33) gegen solche Vernebelung. „Keine Angst, ihr bekommt, was ihr zum Leben braucht. Setzt euch vor allem anderen dafür ein: Für das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit!“ Da geht es nicht zur Industrie 4.0, aber zur Solidarität 4.0 - mit Mensch und Tier - zum glückseligen Leben.

Pfarrer Harry Waßmann, Eberhardskirche Tübingen

Geschrieben am 30.10.2018


  

Mehr Impulse und Predigten