Impuls / Predigt

Gott sei Dank an Erntedank

Morgen ist Erntedank. Vor sechs Jahren war das mein erster Arbeitstag in Tübingen und der Start hätte nicht schöner sein können: Eine prächtig geschmückte Friedenskirche, mit Obst und Gemüse überall, dazu Blumen und Brot, Nudeln und Konfitüre und alles wunderbar arrangiert. In Gedanken war ich schon am Kochen, Backen und Einfrieren. „Morgen kommen die Gaben in den Tafelladen“ unterbrach jemand meine Träumerei.  Hoffentlich sind mir nicht kurz die Gesichtszüge entgleist. Denn im ersten Moment war ich schon ein bisschen enttäuscht, dachte ich doch, das sei unter anderem für mich. So kannte ich das von den Dörfern, wo ich vorher war. Heute lache ich über den Moment von damals und freue mich jedes Mal, wenn die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Tafelladens auftauchen und Kiste um Kiste im Transporter verschwindet. Ja, es gibt definitiv Leute, die all die Lebensmittel dringender brauchen als ich. Beschenkt fühle ich mich jedes Mal trotzdem.

Dieses Jahr bekam ich selbst schon viele Früchte geschenkt.

Angefangen hat es mit Kirschen, die ich ernten durfte. Dann fand ich „Pflaumen zum Mitnehmen“ und „Frühäpfel zu verschenken“ und später andere Apfelsorten. Immer wieder verschwanden fünf Äpfel in meiner Fahrradtasche und dann morgens in meinem Müsli.

Zwischendurch ging es anders herum. Da konnte ich meine Mirabellen und Trauben und Konfitüre verschenken. Dabei habe ich gemerkt: Beides macht glücklich: Beschenkt werden und selbst etwas herschenken. Es entstand bei mir so etwas wie ein Kreislauf der Dankbarkeit. Doch ich sehe das nicht nur als einen Kreislauf zwischen Menschen, sondern für mich hat dieser Kreislauf drei Stationen: Er geht von Gott zum Menschen und von da aus zum nächsten Menschen. Gott ist für mich dabei der Anfang und das Ziel. Von ihm empfange ich meine Gaben und an ihn adressiere ich meine Dankbarkeit. Ich bin froh, dass es das Erntedankfest gibt, diesen einen Sonntag im Jahr, wo ich die sichtbaren Gaben bestaune. Denn das regt mich zum Nachdenken darüber an, was ich sonst noch alles von Gott geschenkt bekommen habe: Ein Treffen mit Freunden, die ich lange nicht gesehen hatte, glückliche Momente mit der Familie, ein Erfolgserlebnis bei der Arbeit und mein Auskommen. All das will ich nicht für selbstverständlich nehmen. Mein Dank geht zurück an Gott, den ich als Absender sehe. Und weiter zu anderen Menschen. So schließt sich der Dankes-Kreis.

Dorothea Lorenz, Pastorin der Evangelisch-methodistischen Kirche

Geschrieben am 05.10.2018


  

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