Impuls / Predigt

Gastfreundschaft

„Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ (Hebräer 13,2)

Was für ein schönes Wort: Gastfrei! So frei sein, Gäste zu empfangen. Womöglich sind es ja Engel. Die Bibel erzählt von Abraham und Sarah, die solchen Besuch bekamen. In Märchen begegnet das Motiv öfter: Gott kommt zu Gast - inkognito.

Gastfreundschaft sei heilig, wird gern betont. Mancher berichtet, welche Gastfreundlichkeit er oder sie auf Reisen schon erlebt hat. Offensichtlich musste man aber immer wieder dran erinnern, sonst gäb´s wohl kaum Geschichten davon zu erzählen. Besuch zu empfangen kostet Zeit und Mühe. Der Alltag wird unterbrochen (oder der Aufwand kommt noch obendrauf). Es gibt Gäste, auf die man sich freut. Anderen sieht man mit gemischten Gefühlen entgegen. Takt und Toleranz sind gefordert, auf beiden Seiten. Aber kaum etwas verbindet auch so tief und erweitert Herz und Horizont. Die Begegnung zwischen Gastgeber und Gästen kann zum Segen werden. Für die Besucher. Und für die, die sie aufnehmen. Im Europa des 21. Jahrhunderts wird Gastfreiheit freilich zum bedrohten Kulturgut; da bekommen die Worte aus dem Hebräerbrief einen ungeahnt politischen Klang.

Der Vers ist Monatsspruch für Juni. Er passt durchaus, finde ich. Wir bekommen nämlich Besuch. Der Evangelische Kirchenbezirk Tübingen erwartet in den nächsten Tagen eine kleine Delegation aus Kamerun, aus der Presbyterianischen Kirche. Seit 16 Jahren besteht diese kirchliche Partnerschaft. Die Entfernung ist groß; die Lebenswelten sind sehr verschieden. Virtuelle Kontakte erleichtern manches. Aber gegenseitige Besuche bleiben unverzichtbar. Die direkte Begegnung macht deutlich, was uns unterscheidet - aber vor allem, was die Gemeinden hier und dort verbindet. Aneinander Anteil nehmen, gemeinsam Gottesdienste und Feste feiern, dazu haben wir in den nächsten Wochen Gelegenheit. Seit dem letzten Besuch hat sich die Lage in Kamerun drastisch verschlechtert. In einigen Regionen des Landes herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Davon ist hierzulande fast nichts zu hören. Wir hoffen, von unseren Partnern mehr über die aktuellen Konflikte zu erfahren. Und wenn die Gäste wieder abgereist sind, bleibt etwas von ihnen zurück. Segen nennt es die Bibel.

Übrigens: Auch die Stadt Tübingen erwartet Ende Juni Gäste, aus Moshi in Tanzania. Soweit bekannt, werden noch einige Gastgeber gesucht.

Elisabeth Hege, Dekanin

Geschrieben am 04.06.2018


  

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