Impuls / Predigt

Singt dem Herrn ein neues Lied

Singen Sie – mit anderen oder allein? Unter der Dusche oder im Auto?
Ich brauche morgens im Bad den Mix aus Nachrichten, Gesprächen und Musik aus dem Radio. Bei bekannten Songs fange ich an mitzusingen. Unter der Dusche ist Lautstärke kein Problem. Auch im Auto drehe ich manchmal auf und singe laut mit. Nicht dass ich immer textfest wäre, die Refrains reichen oft schon. Aber es macht einfach Spaß, aus voller Kehle zu singen. Wie im Fußballstadion. Wenn da Tausende gemeinsam singen, entfaltet das eine große Kraft. Die springt über, auch auf die, die nicht singen. Entziehen kann man sich diesem Eindruck nur schwer. Das macht es auch gefährlich. Es kommt eben darauf an, was man da singt.

Dass Rapper Millionenerfolge erzielen können mit antisemitischen Texten, ist schlimm genug. Dass diese Texte aber erst nach der Preisverleihung in einer größeren Öffentlichkeit kritisiert wurden, wundert mich. Das Sprichwort „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“ stimmt nicht. Die Älteren unter Ihnen erinnern sich noch an Zeiten, als Lieder zu politischer Propaganda benutzt wurden. Das darf sich nicht wiederholen. Auch nicht als Provokation, die bei Kritik die Kunstfreiheit für sich in Anspruch nimmt.
Denn wer singt, ist mit Leib und Seele beteiligt. Zum Singen brauchen wir keine Lieder, die zu Gewalt aufrufen oder sie verherrlichen. Unsere Demokratie braucht aufrechte Bürgerinnen und Bürger, die ihre Stimme ob sprechend oder singend für ein gutes Miteinander aller einsetzen.

Die Nachwirkungen der Nazizeit sind bis heute zu spüren in der weit verbreiteten Scheu, öffentlich miteinander zu singen. Schön, dass hier in Tübingen von kirchlichen und weltlichen Chören Gelegenheiten zum öffentlichen Auftritt auf Plätzen der Stadt genutzt werden, um heute andere Erfahrungen zu ermöglichen. Zusammen singen macht Freude. Erleben, dass meine Stimme im Chor der anderen zählt, und dass ich mit jedem Atemzug meine Lebendigkeit spüre und die der anderen auch.

Morgen feiern wir den Sonntag Kantate – „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“. So beginnt Psalm 98, ein Gebet aus der Bibel. Eine Aufforderung, eine Einladung. Kommt, macht mit. Lasst euch einladen zum Singen, Summen, Brummen. Jede und jeder, wie sie und er kann. Leise oder laut, zaghaft oder aus vollem Herzen – spielt keine Rolle.  Zu unserer Freude und zu Gottes Lob. 

Pfarrerin Susanne Wolf, Stiftskirche Tübingen

Geschrieben am 27.04.2018


  

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