Impuls / Predigt

Um mich müsst ihr nicht trauern

Klinikpfarrerin Friederike Bräuchle

Das würde Jesus wohl sagen, um uns auf seinen Weg in Leiden und Tod vorzubereiten. Mit dem morgigen Palmsonntag beginnt für Christen die Karwoche. „kara“ meint althochdeutsch Kummer, Trauer, Klagen. Herkömmlich trauern Christen in dieser Woche um Jesus, den Gerechten, sind bekümmert angesichts dessen, was er an Erniedrigung und Folter erlitten hat auf dem Weg ans Kreuz und in den Tod. Aber Mitleid, wegsehen von sich selber, ist nicht die Reaktion, die Jesus wollte, behaupte ich. Unbeteiligt sich erinnern wäre freilich auch keine Alternative. Aber ich vermute mal, Jesus würde sagen: `Nicht um mich müsst ihr trauern, sondern um euch selbst, nicht um meinetwegen Kummer tragen, sondern um eurer selbst willen.´ Wie er das meint? Er hat Menschsein verkörpert im Sinne von menschlich sein, dem anderen um seinetwillen Gutes wollen und ihm beistehen, wo er leidet. Aber wie steht es um unser Menschsein, um unser Füreinander in der Familie, in der Nachbarschaft, als Bürger unseres Landes, um unser Teilnehmen am Leiden anderer? Als Seelsorgerin höre ich von bitterem Kummer schon im engsten Umkreis vieler Menschen. Wohin gerät etwa immer wieder die ursprünglich engste Zusammengehörigkeit von Mutter und Kind oder die zwischen Ehepartnern? Man ist enttäuscht vom anderen oder gekränkt, zieht sich zurück, sucht das Gespräch nicht mehr, bricht den Kontakt ab oder landet vor Gericht. Gibt es aber schon in Familien solche Unversöhnlichkeit, wieviel mehr unter Nachbarn und unter Völkern.
Jesus wendet sich nicht ab von uns so gestrickten Menschen, auch nicht von denen, die ihm nach dem Leben trachten, sondern begibt sich in den „Rachen des Löwen“, begibt sich in die Stadt, wo er mit seinem Todesurteil rechnen muss. Man erträgt seine Andersartigkeit nicht. Es scheint so, als sei er gescheitert mit seinem Programm der gewaltlosen Liebe. Aber er hat sie durchgehalten bis zu seinem Tod, sich durch Hass und Verachtung, die ihn von allen Seiten treffen, nicht abbringen lassen. Die ihn beseitigt haben, sahen sich als Sieger über einen Aufrührer.  Aber der sich in den „Rachen des Löwen“ begeben hatte, scheint darin nicht untergegangen zu sein. Denn erstaunlicherweise finden in seiner Liebe bis heute zahllose Menschen Kraft und Trost in belastenden Zeiten ihres Lebens. Nein, Jesus will nicht, dass wir um ihn trauern, eher zugunsten unseres Miteinanders, dass wir aufhören siegen zu wollen.

Friederike Bräuchle, Klinikpfarramt

Geschrieben am 23.03.2018


  

Mehr Impulse und Predigten