Impuls / Predigt

Wach auf!

Wie kann man das verwirrende Leben verstehen, das wir gerade führen? Gewöhnlich verbringen wir unsere Tage in einem Zustand von Trance. Sehr verbreitet ist die Problem-Trance. Wir machen uns Gedanken, warum die Dinge so sind wie sie sind und wie wir sie ändern können. Wollen wir die Wirklichkeit verstehen, müssen wir uns der einzelnen Augenblicke bewusst werden. Sonst können ganze Tage oder gar unser ganzes Leben unbemerkt verstreichen.
Aber nur der Tag bricht an, für den wir wach sind. Ob Sie wach sind, können Sie herausfinden, wenn Sie Menschen betrachten und sich fragen, ob Sie sie wirklich sehen oder ob Sie nur die Gedanken sehen, die Sie über diese Menschen haben. Unsere Gedanken wirken wie eine getönte Traumbrille. Wenn wir diese Brille aufsetzen, sehen wir Traumkinder, einen Traummann, eine Traumfrau, einen Traumjob, Traumkollegen. Auch eine Traumzukunft können wir uns ausmalen. Ändern sich die Zeiten, träumen wir auch gerne von der Vergangenheit und wollen möglicherweise dorthin zurück. Ohne es zu merken, färbt unsere Brille alles um. Was wir dann sehen, sind Illusionen. Erst wenn wir die gefärbte Brille absetzen, werden wir vielleicht sehen, was tatsächlich da ist.
Man muss und kann das Absetzen der Brille üben. Dafür gibt es die alte Praxis der Achtsamkeit, die – im Osten mehr als im Westen – zum Kernbestand spiritueller Übung gehört. In der Bibel begegnet uns die Einladung, aufzuwachen: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten.“ Indem wir durchschauen, wie wir unser Leben gerade hinter einer gefärbten Gedankenbrille verschlafen, stehen wir von den Toten auf. Dann leuchtet unsere wahre Natur, hier: Christus.
Um das zu unterstützen, kann es hilfreich sein, sich für bestimmte Zeiten aus dem Alltagsleben zurückzuziehen. Täglich alleine oder in der Gruppe eine bestimmte Zeit meditieren, einen Tag der Stille einlegen oder eine Auszeit an einem anderen Ort verbringen – das kann sehr beim Aufwachen unterstützen. Hartnäckige Gewohnheiten und Gedankenmuster kann man auch erforschen und tiefer verstehen – am besten mit Hilfe einer Begleitung. Irgendwann spüren wir: ganz mühelos hat sich etwas verändert im eigenen Leben. Wir sind aufgewacht. Wir legen die getönte Brille ab, nehmen bewusst am Leben teil, und können uns viel angemessener verhalten als zuvor.

Hochschulpfarrer Michael Seibt, Tübingen

Geschrieben am 12.01.2018


  

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