Impuls / Predigt

Ach dass du den Himmel zerrissest

Die Welt ist aus den Fugen. Und es ist Advent, die Zeit der Erwartung. Ein Ende des Terrors, ein Ende aller Diktaturen, endlich mehr Frieden – das wäre wunderbar.
Aber können wir das ernsthaft erwarten?
Die prophetischen Texte der Bibel, die uns in diesen Wochen begegnen, geben außergewöhnliche Impulse. Es geht tatsächlich um Hoffnung in einer Zeit der Gottesfinsternis und Gottverlassenheit.
Sie sprechen von der politischen Katastrophe der Israeliten. Krieg, Vertreibung, Zerstörung. Gott erscheint schwach, abwesend, man kennt ihn nicht mehr. Die religiösen Traditionen wurden aufgegeben. Alles, was Halt gegeben hat, ist beschädigt. Und der Glaube? Allenfalls glimmt er noch vor sich hin, kurz vor dem Verlöschen. Doch dann, bevor der Glaube endgültig verlöscht: Ein Aufschrei. Eine leidenschaftliche Beziehungsaufnahme. So kann es nicht weitergehen! Ein mutiges, extremes Gebet.
Schau doch! Schau doch vom Himmel herab! Sie wissen es noch: der Gott Israels ist ein Gott, der das Elend ansieht und die Schreie seines Volkes hört. Sie fühlen sich vollkommen verlassen. Du bist doch unser Vater! Sie bestürmen Gott. Die Erinnerung an frühere Zeiten ist doch noch nicht ausgelöscht.
Und dann tabulos, mutig: Du bist schuld! Warum führst du uns in Versuchung? Warum lässt du zu, dass wir Böses tun? Sie geben Gott die Schuld. Gott wird zur Umkehr gerufen an diesem Tiefpunkt. So kannst du nicht Gott sein! Sie ringen mit Gott um Gott.
Und dann ändert sich der Ton: Ach dass du die Himmel zerrissest und führest herab. Sie erinnern sich: Gott kann herabkommen. Und wenn er käme, dann würden sogar die Berge zerfließen. Die Bösen in der Welt würden seine Größe erkennen und vor ihm zittern, wenn er sich zeigt! Denn kein Ohr hat je gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir! Der wohltut denen, die ihn erwarten. Der denen begegnet, die Gerechtigkeit üben. Also sind doch wir Menschen verantwortlich?
Im Herzen der tiefsten Verzweiflung hat beides nebeneinander Platz: Gott die Schuld zu geben und die Ahnung von eigener Verantwortung. Gott muss sich zu den Menschen kehren. Und die Menschen sich zu ihm. Die Umkehr Gottes und die Umkehr der Menschen spiegeln sich ineinander. Tun wirdas Nötige in dieser Welt. Befrieden. Versöhnen. Das Leben schützen. Unsere Stimme erheben. Vielleicht wartet Gott so verzweifelt auf uns, wie wir auf ihn.

Pfarrerin Angelika Volkmann, Dietrich-Bonhoeffer-Kirche Tübingen

Geschrieben am 15.12.2017


  

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