Impuls / Predigt

Einsicht oder Barbarei

Einen meiner Onkel habe ich nie kennengelernt. Er meldete sich freiwillig zu einer Sondereinheit im nationalsozialistischen Deutschland und verbrannte 1944 in einem Panzer. Geblieben ist ein Kreuz auf einem Soldatenfriedhof in Ungarn. 72 Jahre ist es her, dass der 2. Weltkrieg zu Ende ging. Die Menschen, die den Krieg noch persönlich erlebt haben, sind zwischenzeitlich verstorben oder hoch betagt. Die Erinnerung in den Familien verblasst. Sie kann sich oft nur noch an Fotos, Bildern oder weitergegebenen Erzählungen festmachen. Es bleibt bei mir das Entsetzen, dass die Gräuel des Krieges und des Holocausts aus der Mitte eines zivilisierten Volkes heraus entstanden sind. Wie war das möglich?
Die biblische Erzählung vom Brüderpaar Kain und Abel versucht dieser Frage nachzugehen. Abel wird von Gott angesehen. Kains Opfer findet nicht die von ihm erhoffte Anerkennung. Er fühlt sich zurückgesetzt, will Vergeltung und schlägt wohl überlegt zu. Das Blut des gewaltsam Umgekommenen schreit zu Gott. Er interveniert und stellt Kain. „Wo ist dein Bruder Abel?“
Vom Anderen her mitzudenken, seine Situation und seine Interessen ins eigene Tun mit einzubeziehen ist menschlich und politisch geboten. Wir sind angehalten, „unseres Bruders Hüter“ zu sein. Wir tragen Verantwortung für das, was wir tun und unterlassen.
Als mein Onkel sich damals freiwillig zum Kriegsdienst meldete, wollte meine Großmutter ihn davor bewahren und hat (leider vergeblich) versucht, ihn am Musterungstermin im Haus einzusperren. Am Sonntag gedenken wir aller Ermordeten, der Gefallenen, Deportierten und bei Vertreibungen getöteten Menschen. Sie gehören zu uns und unserer Geschichte. Das ist der Sinn des Volkstrauertages.
Als Gott den Brudermörder mit seiner Tat konfrontiert, erschrickt er. Kann er noch weiterleben? Mit dem Kainsmal bewahrt Gott ihn vor dem Aus und sichert sein Leben.
Dass wir seit über 70 Jahren in unserem Land in Frieden leben können, ist für mich letztlich Gnade. Aus ihr erwächst die Aufgabe, Zukunft verantwortlich zu gestalten. Am Volkstrauertag geht es um innehalten, nachdenken und umkehren. Der nahe und ferne Nächste ist vor Gott mein Bruder und meine Schwester. Dein Nächster ist wie Du.
Wo diese Einsicht verloren geht, droht Barbarei. Wo sie neu durchdacht und durchbuchstabiert wird, kann Frieden werden. Er ist und bleibt der Ernstfall, in dem wir uns zu bewähren haben.

Pfarrer Martin Kreuser, Dettenhausen

Geschrieben am 13.11.2017


  

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