Impuls / Predigt

Neugierig bleiben

Das Thema hat mich schon als Psychologiestudentin fasziniert: „Soziale Wahrnehmung“. Was nehmen wir an anderen Menschen wahr und was schreiben wir ihnen daraufhin zu.

Dass wir solche Zuschreibungen machen, merken wir oft erst, wenn sie sich zufällig als offensichtlich falsch erweisen – so war eine Lieblingsgeschichte einer Freundin die: Bei einer Party hatten alle vor der Wohnung die Schuhe abgestellt. So sah man schon vor der Tür, was so für Leute da waren. Die Stimmung war glänzend, sie hatte sich lange mit einem netten Mann unterhalten und auch mit ihm gleichzeitig die Wohnung verlassen. Als er dort dann in das einzige Paar Cowboystiefel stieg (die wir damals absolut affig und macho fanden) fiel sie aus allen Wolken und musste ihre Zuschreibungen zu Cowboystiefelträgern gründlich überdenken.

So war das damals. In meinen weiteren Ausbildungen und meiner Berufstätigkeit als Psychologische Beraterin bin ich ständig damit beschäftigt: Im Gespräch mit den Menschen offen bleiben. Nach jedem Moment von vermeintlichem Verstehen, von vermeintlicher Ähnlichkeit zum eigenen Leben, zum Leben anderer, zu früheren Beratungserfahrungen Abstand nehmen. Offen sein für die ganz eigene Mischung an Erfahrungen, Verarbeitung von Erfahrungen, die jede und jeder mitbringt. Diese Bewegung im miteinander Sprechen bringt mir selbst die Möglichkeit, meine eigenen Vorurteile zu korrigieren. Wenn es gut läuft, bringt sie auch dem Gegenüber die Möglichkeit, eigene festgefahrene hinderliche Selbstzuschreibungen wieder in Bewegung zu bringen.

Im Alltag passiert es schnell: Zuschreibungen ersetzen Erfahrungen, und einzelne Erfahrungen werden verallgemeinert. Es scheint ein Bedürfnis nach Vereinfachung zu geben, das die Begegnung und die Mühe des Zwiespalts erspart. Das kann Folgen haben: Wir schließen Menschen aufgrund von negativen Zuschreibungen aus. Und wir verschließen uns selbst neuen Erfahrungen.

Die Momente, in denen unsere Vorurteile so augenfällig werden wie in der Stiefelgeschichte, sind eher selten. Erkenntnis fällt uns nicht automatisch zu. Es braucht schon auch unsere Neugier und eine aktive Entscheidung, selbstkritisch unsere Zuschreibungen zu hinterfragen, es genauer, realistischer, differenzierter wissen zu wollen.

Bleiben wir also neugierig. Neugierig auf die Brüche zwischen unseren Zuschreibungen und der Realität. Neugierig auf Menschen, wie sie sind.

Gudrun Fischer, Psychologische Beratungsstelle Brückenstraße

Geschrieben am 20.10.2017


  

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