Impuls / Predigt

Das Leben ist schön!

Jetzt ist es ihr gelungen. 18 Jahre lang hat sie immer wieder versucht, sich das Leben zu nehmen. So lange lebte sie mit dem Border-Line-Syndrom, so lange verbrachte sie an der Grenze, am Abgrund. Jetzt ist es ihr gelungen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Mitte 30 war sie.

Wenn sie uns aus Berlin besuchen kam, kommen konnte, sprühte sie vor Leben und Lachen. Die Telefonate zwischendrin erzählten auch anderes: Von Aufenthalten in der Psychiatrie, monatelang. Erzählten vom Studium, von Ausbildungen, angefangen und abgebrochen. Schlimm war das amtsärztliche Attest mit dem Urteil: Nicht arbeitsfähig. Da war sie Ende 20. Was macht eine junge, körperlich fitte, kluge Frau dann? Welche Möglichkeiten bleiben ihr?

Woher nahm sie nur die Kraft weiter zu machen? In Gesprächen leuchtete es immer wieder auf: Eigentlich, ja eigentlich ist das Leben schön. Und sie dankte Gott für das Geschenk ihres Lebens. Und sie dankte ihm für Freunde und Freundinnen, offene Ohren und Herzen und die Möglichkeit, Zuneigung zu schenken. Mensch sein mit anderen und Mensch sein für andere – das leben zu können, empfand sie als einen Reichtum. In den eigentlichen Zeiten.

Schwierig wurde es, wenn das Uneigentliche, das Lebensverneinende sie beherrschte. Für diese Zeiten hob sie sich den leidenden Jesus, nein, den leidenden Gottessohn auf. Der trägt dann, sagte sie. Da ist einer, der weiß um Verzweiflung – und ist doch gehalten. Der hält auch mich. Der trägt auch mich. Man muss wohl sagen: Trug bis jetzt. Hat er nicht genug getragen? Ich weiß es nicht.

Doch was ich weiß: Was und wer mich jetzt trägt. Paulus hat es im Brief an Christenmenschen in Rom im achten Kapitel, in den Versen 31 bis 38 formuliert. Kurz zusammengefasst steht da: Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist.  Das trägt mich, wenn ich an die junge Frau denke: Nichts kann sie von Gottes Liebe trennen. Auch nicht ihr eigenmächtiges Nein gegen das Leben, als ihr das Lachen vergangen und alle Tränen geweint waren. Und es trägt mich in Blick auf mich: Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes in Christus Jesus, wenn wir uns jetzt fragen und fragen lassen müssen, ob wir genug getan, genug geliebt haben.

Und ein Zweites weiß ich: Was ich mir von ihr bewahre: Das Leben ist schön. Gott meint es gut, wenn er Leben schenkt. Bei, trotz und mit allen Schatten und Verdunkelungen, mit denen wir im Leben fertig werden müssen.

Hochschulpfarrerin Christina Jeremias-Hofius, Dietrich-Bonhoeffer-Kirche Tübingen

Geschrieben am 06.10.2017


  

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