Impuls / Predigt

Wir haben die Wahl

In Modegeschäften kann man Kaffee trinken, in Kaffeeläden Mode kaufen. SPD und Hartz IV, CDU und Flüchtlingswillkommenskultur, Grüne und Diesel. Immer schwerer wird es, verlässlich beschreiben zu können, wer für was steht. Was ist rot, was schwarz, was grün, was gelb, was blau?

Morgen ist Bundestagswahl. Wir haben die Wahl. 40 Prozent sind noch nicht festgelegt. Manche gehen gar nicht zur Wahl.

Jehuda Bacon, Überlebender von Auschwitz, sagt: „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden.“ Und meint damit, dass es keinen Tag in unserem Leben gibt, an dem wir nicht durch das, was wir tun oder lassen, mit dazu beitragen, dem Guten in der Welt den Weg zu bereiten. Kein Tag aber auch, an dem nicht das Böse um die Ecke lugt und uns auf Abwege lockt. Insofern haben wir jeden Tag die Wahl. Jeden Tag die Frage, wie wir leben wollen. Worauf wir achten wollen. Was wir vermeiden wollen.

An der Schwelle zum Gelobten Land, so erzählt die Bibel, erinnert Gott sein Volk: „Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit du das Leben erwählst.“ Schon seit jeher also steht dem Menschen beides vor Augen: Das, was dem Leben dient. Und das, was in den Tod führt.

Ob man die morgige Wahl so mit Bedeutung aufladen muss, sei dahingestellt. Aber neben der Orientierungshilfe des Wahl-o-mat mag die Besinnung auf das, was unsere Kultur und Gesellschaft geprägt und über Jahrhunderte getragen hat, und was uns vom „christlichen“ Abendland sprechen lässt, ebenso hilfreich sein: Was gesegnet ist und dem Leben dient – es ist nach biblischem Verständnis nichts Schweres, nichts Kompliziertes. Es ist „ganz nahe bei dir, in deinem Munde und deinem Herzen, dass du es tust.“ Jesus hat es im Tun der Liebe zusammengefasst.

Im Tun der Liebe, sagt er, erkennen wir den Anderen als unseren Bruder, unsere Schwester. In der Liebe spüren wir, wie wir miteinander verbunden sind über jegliche Grenzen, Nationalitäten, Rassen, Geschlechter, Religionen hinweg. In der Liebe wird uns bewusst, dass wir füreinander Verantwortung tragen. Und dass wir ohne einander nicht leben können.

Die Sprachen der Liebe sind soziale Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung allen Lebens. Morgen vor die Wahl gestellt will ich genau hinhören: Wer spricht diese Sprachen? Und vor allem: Wer lebt sie? Es ist keine einfache Wahl. Aber: Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden. Die Liebe ist immer eine gute Wahl.

Pfarrer Christoph Wiborg, Eberhardskirche Tübingen

Geschrieben am 22.09.2017


  

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